четвртак, 13. септембар 2012.

Miloš Crnjanski: Iris Berlina

© Archiv: Zadužbina Miloša Crnjanskog, Belgrad
»Ein Irrtum (unter vielen) ist also, dass die vergänglichen Menschenwerke in Deutschland farblos, düster und verschwommen sind. Im Gegenteil, sie sind voller Farben und von äußerst intensiver Wirkung. 
Der erste Eindruck ist: die Erde, die Felder, die Äcker sind dabei zu verschwinden, die Städte, die Werke von Menschenhand, sind schon derart zahlreich und dermaßen mit dem Verkehr und der Industrie verbunden, dass das deutsche Land nicht mehr vom Willen Gottes, sondern vom Profil der Arbeit geprägt ist. 
Regen, Sturm, Schneegestöber im Wald; die ersten Frühlingstage mit ihrer milden Sonne und sprießendem Gras zwischen kahlen Sträuchern, auf denen der Schnee schmilzt; lange Pappelreihen; das alles ist nur Zufall, nicht das Wesentliche. Die tiefen Gründe bewaldeter Täler; das dunkle Röhricht um die Seen, wo die Spinnen ihre Netze weben; die Hochebenen, auf denen sich die Kornähren im Wind biegen; die Berglichtungen und die vereisten Höhen, zu denen die Deutschen nach Feierabend massenweise strömen, das alles sind nur Ausflüchte aus einem Leben, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. 
Geräuschlos im Auto brausend oder auf surrenden Fahrrädern bringt man seinen Körper hinaus in die Natur, aber das hinterlässt in der Seele nicht die gleichen Spuren wie ein langes Leben mit Bergen und Feldern, mit Viehherden und Ameisen, sondern lediglich den Eindruck von etwas Verlorenem und Künstlichem, von etwas melancholisch Bukolischem. 
So haben auch das deutsche Dorf und das Leben auf dem Lande an Bedeutung verloren, diese einstigen Quellen vieler Erkenntnisse und sinnlicher Freuden, mit denen sich nur noch die Ursprünglichkeit reicher flämischer und böhmischer Dörfer messen konnte. Die deutschen Dörfer sind nicht mehr ausgelassen in ihren Festen, noch besitzen sie die Kraft mystischer, in der Gemeinschaft bezeugter Gottergebenheit. Auch ihre Brunnen, ihre Friedhöfe, die spitze Gotik ihrer Kirchen entzücken nicht mehr. Vergessen sind die Tänze auf dem Dorfanger, und selbst die Schaf- und Rinderherden haben nicht mehr die Bedeutung des Lebensnotwendigen, die Hochzeiten und Beerdigungen haben die Schönheit der Bilder eingebüßt, die im Abenddunst den Glanz des Unsichtbaren verkörperten. Die Dörfer werden nun erdrückt von den Schildern ihrer kleinen Banken, von den Antennen auf den Dächern und von grässlich angestrichenen Kinos.«  

Miloš Crnjnski
 
ISBN: 3866601085

недеља, 09. септембар 2012.

Dragica Rajčić: Ein Politisches


Ein Politisches 

Der Sommer Regen mitten im Gedicht 
Die Familie repariert zerbrochene Illusionen 
Gebratet wird Lamm 
Dalmatien wird gedruckt als 
Produkt für jedermann 
Ortsansässige beziehen Krigspension und führen mit dem MERZEDES 
Zum Mäzger 

Für Morgen wird gesagt ein natürliches 
Eintritt in EUROPA steht bevor 
Ich trette aus 
Die Schweiz vertritt meine 
Nüchterne 
Ablehnung gegen 
Wo für  

Dragica Rajčić

петак, 07. септембар 2012.

Мирослав Б. Душанић: Ријека

Перо Васлић: На Прљачи (Доњи Церани)
Ријека

Посматраш воду како се таласа
и преко камења уздиже и пјени,
као да нема времена хитајући
ЊОЈ у сусрет –

Опијен њеним жубором
за тренутак заборављаш: Ти не
отичеш са ријеком –
Даљина остаје непромијењена

Мирослав Б. Душанић

среда, 05. септембар 2012.

Mariusz Grzebalski: Das Gedicht

Mariusz Grzebalski: Słynne i świetne / Biuro Literackie - Wrocław (2004)


Das Gedicht

das ein Sonett werden sollte, will kein Sonett sein.
Im Mai verliert es für drei Wochen die Sprache.
Träumt, dass es ein Pantun ist.
Die kosmische Szenerie eines
Zementwerks und herumliegende Abfälle
auf dem LKW-Stützpunkt in Mulhouse -
ganz wie in Polen - wecken es aus der Lethargie.
Die neue Interpunktion schnappt es im Gasthaus
zum Hirschen in Salzburg auf.
Doch zu dem, was es ist, wird es in Olejnica
unweit von Przemęt - in einem finnischen Häuschen,
an einem mit Entengrütze zuwachsenden See.
Ein kleines Mädchen sagt: Heulhüpfer - da ist es schon!
Das schnellste im Dorf.

Mariusz Grzebalski

(Aus dem Polnischen: Doreen Daume)

уторак, 04. септембар 2012.

Ana Ristović: Die Sprache, mein Igel

Ana Ristović annulled passport/exponat at World Poetry Day 2010
Die Sprache, mein Igel

Die Laibacher Taxifahrer möchten wetten,
ich käme aus der Ukraine.

Auf mein »Guten Tag« hin
wünschen sie mir eine »Gute Nacht« -
mein Slowenisch riecht nach Süden oder Osten,
Genuss garantiert.

Die Belgrader meinen,
ich käme aus der Gegend von Užice,
ich spräche so gedehnt wie die Morava vor der Dürre.

Und die vom Busbahnhof,
wo ich müde ankomme,
sagen, mein »ć« sei nicht so weich wie das ihre,
ich müsse Slowenin sein –
und unter dem verstärkten Druck
tickt der Taxameter immer schneller.

Und sie fragen, für welche Firma
ich den schlanken Körper, den erhitzten Kopf lenke,
wem das Köfferchen auf den Knien gehöre
und wem der kurze Rock darunter,
der Hühnerstall mit dem vergnüglichen Zweck.

Wem das harte DŽ auf den Sandalen
anstelle der Schnalle gehöre
und wem die beiden lauten »a« im Namen
um meine Arme und meinen Hals, anstelle einer Schlinge.

Und sie fragen, ohne zu wissen:
Meine Sprache ist schneller als ich,
ein Marathonigel, der 500 Kilometer läuft
und dessen Stacheln nach innen wachsen.

Wie Verschwörer treffen wir uns
in der zollfreien Zone, auf halbem Weg:
Uns gehören die stummen Wälder, die taube Zeit,
dort kann ich meinen Sprachigel in der Hand wärmen.

Einer des anderen Schicksal
überstehen wir die Grammatikrevolutionen schweigend:
Ich - die Freude der wiedergefundenen Zweizahl,
er - die Angst vor dem schwarzen Imperfekt.

Ana Ristović

Матија Бећковић: БРАНКО МИЉКОВИЋ


 

Бранко Миљковић

Прочитао сам оне твоје песме
Каже ми Бранко Миљковић
Почетком зиме 1960. године

Ти у њима ниси ништа слагао
А ја сам слагао сваку реч
И мислим све обрнуто
Од оног што сам написао

Али исте зиме наредне године
Кад се окренуо наглавачке
И челом пољубио земљу
Под трном за који се везао
Као да је знао
Да се и његове речи
Преокрећу
У живу истину
А трн у трон

Матија Бећковић

понедељак, 03. септембар 2012.

Hendrik Rost: Der Porträtzeichner

Max Beckmann: Der Zeichner in Gesellschaft (1922)

Der Porträtzeichner

Auf der Staffelei eine Skizze
als Gutachten, ein überspitztes Gesicht
in Kohle, dem man seinen Ausdruck
abnehmen muß. Manchmal
hält jemand angestrengt still, ein Kreis
von Neugierigen formiert sich
wie um Kontrahenten. Keine Zeit
wird verschenkt an Talent, und ich
habe nichts Eiligeres zu tun,
als zu warten, ob das Motiv
wiederzuerkennen ist, ein flüchtiger
Bekannter, der sich bemüht,
die Absehbarkeit zu zügeln. Das Modell
trägt den Kopf davon, einsam
in seiner gewissen Ähnlichkeit.

Hendrik Rost

Мирослав Б. Душанић: Потонуће

Потонуће

Жалост није у томе што је
Човјек ништаван
Него што је зао
У својој ништавности...


Никако да се сјетим ко је то
Рекао или написао
Важно и неважно ми се у
Љигаву масу стопило
И овај дан ми се као и многи
Други измигољио
И постао стран
Као да га нисам ни имао
Ни проживио

А да бих се поново одредио
Посежем за даљинским
Од телевизора
Гледам нижу се слике за
Сликом
Вијести са тржишта прате
Оне са берзе и рада
Незапосленост свугдје
У свијету
У порасту а моћ куповна
Опада

Са истока пристижу сасвим
Ексклузивне слике неке
О масакру и мртвима
Све сама дјеца и жене
Безимене
С лица мјеста специјални
Репортер
Скоро усхићеног гласа
А камера лепршаво прелијеће
Крваво обојене наслаге
Камена и опеке

Шта се то с човјеком збило и
Још увијек се дешава
Да му ни трагедије изузетно
Велике
Отупљени мозак више не
Изоштрава
Зар у срцу нема мјеста за бол
И самилости

И док по ко зна који пут
Постављам питања иста
Препуна
Дјечије наивности

Ја и даље немоћан као у
Времену опсаде
Никако да се сјетим ко је то
И када изрекао

Жалост није у томе што је
Човјек ништаван
Него што је зао
У својој ништавности...


Мирослав Б. Душанић

Мирослав Б. Душанић

недеља, 02. септембар 2012.

Мирослав Б. Душанић: Скица пропадања

Мирослав Б. Душанић

Скица пропадања

И све се претворило у
Трагове

Само понекад
Далеко иза хоризонта
Чује се хук возова

Али нико не долази
Да ме посјети

И наступила принудна
Тишина

Која тежи да одложи
Или барем прикрије
Искуство пораза

Мирослав Б. Душанић

Penny Harter: Black Leaves

Penny Harter
Black Leaves

At dusk, rain begins.
A black bird flies into black leaves.
Rain enters the dry dirt.

I step on an ant.

Last night I could not sleep,
Something buzzed just under my skin.

Today a dragonfly lit on my arm.
Its wings were humming.

Startled, I brushed it off.
The wind blew it back into my face.

Last night I could not sleep.
Something buzzed just under my skin.

The black leaves of the tree are raining.
The black bird has disappeared into rain.

The ant is gone.

Buzzing is the same as humming.
I have no wings.

Green at morning, black at night—
Where are those leaves now?

The ant is in the dirt.
The dirt grows black with rain.
I cannot sleep in this tree.

Penny Harter

Rory Waterman: Stranger


Stranger

Snot-billed brats in playsuits lump about
in ball-pens, squiggle through tubes
to squishy, mats the laugh or scream again.
Others chew biscuits, or writhe like dogs in prams.

Enough to put me off my carrot pressé,
my hunk of crumble cake. Then a two-foot scruff
with saucer eyes waddles to my knee,

fingers his nose as if uncorking it,
and asks me plainly, sweetly, who I am.

Perhaps I’m not the man I’d like to be.

© by Rory Waterman

(TLS June 17 2011 – Copyright © The Times Literary Supplement Limited 2011)

субота, 01. септембар 2012.

Марио Варгас Љоса (Mario Vargas Llosa)

Mario Vargas Llosa

»Мислим да је полазна тачка књижевног позива увијек одбацивање, неприхватање реалног свијета и живота који живите и начин испољавања незадовољства према живљењу.«

Марио Варгас Љоса